Studieren/Erfahrungsbericht/Thomas koch

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Erfahrungsbericht

Name: Thomas Koch

Studiengang: Mathematik

Land: Rumänien

Stadt: Cluj-Napoca (Klausenburg)

Universität: Universitate Babes-Bolyai

Austausch im WS 04/05

Unterrichtssprache: Deutsch und Rumänisch

Angaben zur Zufriedenheit während des Aufenthalts

Soziale Integration: 4/5

Akademische Zufriedenheit: 1/5

Zufriedenheit insgesamt: 1/5

ECTS-Gebrauch möglich: Ja

Bewerbung / Einschreibung

Es ist nicht schwer, ein Stipendium für Rumänien zu erhalten. Dementsprechend unkompliziert ist die Beantragung. Da es meistens sogar zu wenig Bewerber gibt, bietet der DAAD als zusätzlichen finanziellen Anreiz das Go-East-Stipendium. Die Fakultät Mathematik hat einen sehr übersichtlichen Stundenplan, den man im Internet (www.ubbcluj.ro) einsehen kann. Es gibt zu jedem einzelnen Fach auch Inhaltsverzeichnis und Literaturempfehlungen. Leider ist die mathematische Fakultät (noch) die einzige, mit einem solchen Angebot.

Man kann ohne Visum nur mit Personalausweis nach Rumänien einreisen. Eine Aufenthaltsgenehmigung für Aufenthalte länger als drei Monate ist vorgeschrieben, wird aber nicht kontrolliert. Ich habe bei zwei Aufenthalten über 90 Tage keine Probleme gehabt.

Finanzierung

Noch bekommt man Stipendien nach Osteuropa sehr leicht und behält meistens noch etwas für zuhause übrig. Wer sich früh genug entscheidet, sollte auf jeden Fall über ein Jahresstipendium vom DAAD nachdenken.

Dokumente

Man sollte die Krankenkasse nachfragen, ob sie auch im Nicht-Eu Ausland zahlt und gegebenenfalls eine Auslansversicherung (mit Rücktransport!) abschliessen. Zum Glück blieb ich bisher verschont und war auf rumänische Krankenhäuser nicht angewiesen. Man sollte sich frühzeitig informieren, wo es gute private Ärzte gibt, die einem nach westlichen Niveau behandeln. Die Solidarität mit den Rumänen sollte nicht dazu führen, dass man die eigene Gesundheit aufs Spiel setzt.

Sprachkurs

Die UBB ist eine dreisprachige Universität und bietet viele Studiengänge auch in deutscher Sprache an. Leider gibt es mitunter auch Kurse oder Seminare, für die es keine deutschsprachigen Professoren gibt und die deswegen auf Rumänisch gehalten werden müssen. Sollte das passieren, ist man aber wahrscheinlich gerne bereit, einem deutschsprachige Literatur zur Verfügung zu stellen.

In Cluj wird ein Anfängersprachkurs im September angeboten. Interessant ist es aber auch, einen Kurs in einer anderen Stadt zu machen, um so mehr von dem Land zu erfahren. Andere Universitäten (z.B. Timisoara) bieten auch fortgeschrittene Kurse an oder haben Kurse schon im Juli oder August. Informationen bekommt man von der Romanistik der Uni-Jena, die auch selber Sprachkurse in der Osterzeit anbieten.

Wer möchte, kann natürlich auch schon ein Jahr vor dem Aufenthalt einen Sprachkurs im Land belegen und bekommt dafür bei rechtzeitiger Beantragung auch ein Stipendium.

Ankunft

Die billigste Möglichkeit, nach Cluj zu reisen ist ein Flug mit Airberlin, Easyjet oder Germanwings nach Budapest und eine Weiterfahrt mit dem Zug oder einem Kleinbus. Die einfache Strecke mit einem Kleinbus kostet 15 Euro. Ob man die Bustickets auch außerhalb von Cluj kaufen kann, weiß ich nicht. Für internationale Zugtickets wendet man sich am besten an gleisnost.de. Die Anreise mit dem eigenen Auto empfehle ich nicht. Ein deutsches Kennzeichen ist immer noch ein Beutesignal für Wegelagerer ("politia").

Es entstehen Probleme bei der Ein- und Ausreise, da der Fahrer eines PKW auch mit diesem Fahrzeug wieder ausreisen muss. Diese Maßnahme soll Fahrzeugschieberei erschweren. Weiterhin ist es viel angenehmer mit billigen Taxis durch Schlaglöcher zu fahren, als die eigenen Stoßdämpfer zu quälen. Und letztendlich ist Fortbewegen und Parken in Cluj mit dem Auto unmöglich. Unter Rennkuckuck.de gibt es die umfangreichste Mitfahrzentrale nach Rumänien.

Campus

Man findet in der Mathematikbücherei praktisch zu jedem Kurs auch mehrere deutschsprachige Bücher. Außerdem gibt es das deutsche, französische und englische Kulturzentrum mit jeweils eigener Bibliothek. Es gibt in der ganzen Stadt Internetcafes und die Mathematik hat auch Computer für Studenten, die aber weitab vom Zentrum auf dem neuen Campus sind.

Man kann zu deutschen Mensapreisen in preiswerten rumänischen Restaurants mittagessen.

Ansprechpartner gibt es generell wenig. Da Rumänien immer noch autoritär regiert wird, interessiert sich auch niemand für die Belange der kleinen Leute, hier Studenten. Beratungsstellen für verschiedene Problemlagen sucht man daher vergebens. Man sollte sich niemals darauf verlassen, dass etwas erledigt wird, sondern selber gehen, sonst wartet man ewig.

Vorlesungen

In Rumänien gibt es am Ende jedes Semesters eine Mehrwöchige „Sesiune“, in der für jeden Kurs eine Klausur geschrieben wird. Bei vielen Kursen ergibt sich die Endnote also nur aus einer Klausur, manchmal wird im Semester noch ein Test geschrieben. Ein Übungsbetrieb mit wöchentlichen Übungszetteln ist weitgehend unbekannt.

Der große Nachteil dieses Verfahrens ist, dass viele Studenten erst kurz vor der Klausur lernen. Dadurch fehlt eine selbstständige kontinuierliche Beschäftigung mit dem Stoff, worunter das Niveau des Kurses leidet. Es kann auch keine Kommunikation stattfinden, weil die Studenten nicht verstehen, was sie gerade hören, da sie den Stoff der vergangenen Stunden noch nicht gelernt haben.

Ausländische Studenten werden auch das Arbeiten in Gruppen vermissen. Da man keine Übungszettel lösen muss, trifft man sich auch nicht um gemeinsam zu lernen.

Oft kommen Studenten auch gar nicht mehr zu Kursen sondern kopieren sich kurz vor der Sesiune den gesamten Stoff. Viele Kurse bestehen auch 500 Jahre nach Gutenberg nur aus mechanischem Abschreiben. Dabei ist es unglaublich, dass die Studenten es noch nicht einmal schaffen, eine Weitergabe der Kurse vom älteren an den jüngeren Jahrgang zu organisieren, was ein eindeutiger Beweis dafür ist, dass die Studenten an den Fakultäten nicht organisiert sind.

Für den deutschen Studenten ist auch die Form von Klausuren gewöhnungsbedürftig. Man bekommt nicht eine grosse Menge von Aufgaben, von denen man sich welche aussuchen kann. Sondern es sind vier bis acht Aufgaben üblich, die alle gelöst werden müssen für eine 10. Hilfsmittel sind grundsätzlich nicht erlaubt, sondern es sollen auch unsinnigste Formeln auswendig gelernt werden. Es kommt bei vielen Professoren nicht auf das Verstehen sondern auf das Auswendiglernen an.

Wohnen

Die Universität bietet den Austauschstudierenden einen Platz im „Hotel Universitas“ in einem Zweibettzimmer für 100 Euro pro Monat und Bett. Die Zimmer sind modern eingerichtet aber überteuert. Viele Bewohner versuchen nach ein paar Monaten eine billigere Unterkunft zu finden. Größter Nachteil des Wohnheims ist seine weite Entfernung von allen Fakultäten und die schlechte Nahverkehrsanbindung.

Wer sich ein Apartment mieten will, kann mit Hilfe eines Rumänen im Anzeigenblatt Piata nachsehen, das jeden Dienstag erscheint. Dabei sollte man aufpassen, welche Anzeigen von Immobilienagenturen sind. Diese verlangen normalerweise die Hälfte der ersten Monatsmiete, sind aber trotzdem keine wirkliche Hilfe bei der Wohnungssuche. Es gibt in Cluj über 100 Agenturen, es werden aber wöchentlich weit weniger Wohnungen angeboten.

Ich habe eine sehr gute Wohnung innerhalb von wenigen Stunden gefunden, indem ich im Stadtzentrum und dort, wo ich gerne wohnen wollte, Anzeigen aufgehangen habe. Ich habe dabei auch geschrieben, dass ich Deutscher bin und die Wohnung daher letztendlich billiger (sic!) bekommen.

Eine Dreizimmerwohnung in Innenstadtnähe mit eigener Zentralheizung (Centrala Termica, CT) kostet 250 bis 300 Euro. In Manastur kostet ein Zimmer ohne CT 100 Euro. Hat man keine eigene CT, muss man im Winter mit über 50 Euro Heizkosten monatlich rechnen.

Man sollte die Wohnungssuche unbedingt schon im September oder August beginnen, da sonst die guten Angebote schon vergeben sind. Die Universität hilft weder ihren eigenen noch ausländischen Studenten bei der Wohnungssuche. Die Probleme des Studenten interessieren nicht.

Unterhaltskosten

Zu den Lebenshaltungskosten ist es nicht sinnvoll, exakte Angaben zu machen, da sich diese in den kommenden zwei Jahren bis zum EU-Beitritt stark ändern werden. Bisher war es Problemlos möglich, von 100 Euro monatlich (plus Miete) zu leben.

Öffentliche Verkehrsmittel

Eine Fahrt mit dem Bus oder ein Kilometer mit dem Taxi kosteten im Januar 2005 noch 25 Cent. Fahrradfahren in Cluj ist nicht empfehlenswert. Für einen gesunden Fußgänger sind die wichtigsten Einrichtungen mit Ausnahme des Wohnheims für ausländische Studierende schnell erreichbar.

In Achtzehn Monaten Rumänien hat sich nur ein schlechter Taschendieb an mir versucht.

Tickets für den Bus werden von freundlichen Damen an der Haltestelle verkauft. Im Bus sind keine Tickets erhältlich. Es wird kontrolliert und die Kontrolleure schrecken auch vor physischer Gewalt nicht zurück.

Mit dem Studentenausweis kann man sich ein verbilligtes Abo kaufen, dass dann aber nur für bestimmte Linien gilt.

Kontakte

Es wird gerade (2005) ein Mentorenprogramm aufgebaut. Da man aber in der Fakultät Exotenstatus hat und die Rumänen sehr offen sind, findet man schnell Anschluss. Gerade ledige, männliche Studenten haben hier keine Probleme.

Im Casa de Cultura Studentesc findet man Informationen zu Sport- und Freizeitangeboten. Für Kurse muss man sich in der ersten Semesterwoche einschreiben. Im Club Salsa gegenüber vom Music Pup bekommt man Informationen zu Tanzkursen.

Man sollte sich frühzeitig um Kontakte ausserhalb der Erasmusgruppe bemühen, um überhaupt das Land kennenzulernen. Viele Erasmus-Studenten bleiben unter sich, lernen zwar sehr viel über die Länder der anderen Erasmus-Studenten, aber nicht viel über Rumänien.

Nachtleben / Kultur

Das Nachtleben braucht nicht erklärt zu werden. Die Betreuer vom Auslandsamt kennen sich meistens gut aus und wer nach 23 in die Stadt geht, findet sich schnell zurecht.

Wo man mal hin sollte: Latino Club, Music Pup, Salsa Club, Ernesto, Insomnia, Jays Club Alles was direkt am Piata Unirii liegt, sollte man reichen Touristen überlassen.

Die beste und billigste Einkaufsmöglichkeit für frische Lebensmittel bietet der Piata Mihai Viteazu. Für Non-Food und haltbare Ware empfehle ich einen Besuch in der Metro (Straße nach Oradea) mit dem Taxi oder bei Sora (Manastur). In der Metro können Ausländer auch ohne Gewerbenachweiss Einkaufen.

In Rumänien kann man Filme in ihrer Originalsprache sehen. Das beste Programm hat Arta gleich neben der Universität. Die teuren Filme laufen im Republica. In die anderen Kinos braucht man nicht rein.

Was sonst noch los ist, erfährt man unter cluj.info

Sonstiges

Um nach Deutschland zu telefonieren, kauft man sich am besten eine Prepaidkarte von Ringplus.

Für den Geldtransfer nach Rumänien empfiehlt sich das Postbank Sparkonto mit drei kostenfreien Auslandsabhebungen.

Man sollte ein Handy mitnehmen und sich jeweils eine Prepaidkarte von Orange und Connex kaufen um billig andere Studenten anrufen zu können. Die Karten sind nach dem Kauf nur einen Monat gültig und müssen dann aufgeladen werden.

Sonstige Tipps und Infos

Die rumänische Gesellschaft macht einen sehr veralteten Eindruck und erinnert mich an Bilder aus den 50er Jahren. Daraus ergeben sich viele Nachteile für Rumänien, auch im Bildungssystem. In der rumänischen Erziehung gibt es keine Freiheit sondern Befehl, Druck, Gehorsam und Strafe. Entsprechend unfrei sind auch Schulen und Hochschulen. Lehrer müssen kaum Kritik von ihren Schülern fürchten und können umgekehrt einen hohen Druck ausüben, denn schlechte Noten haben oft auch direkte finanzielle Nachteile oder kosten im Extremfall den Studienplatz. Darunter leidet die Qualität des gesamten Bildungssystems direkt und indirekt. Erstens ist das Verhalten mancher Professoren eine Zumutung gegenüber einem Westeuropäer. Zweitens müssen Professoren sich kaum bemühen, gute Kurse zu halten. Auch Initiativen von Studenten zur Verbesserung gibt es praktisch nicht, da Rumänen nur zum Gehorsam und nicht zur kreativen Veränderung erzogen sind.

Diese veraltete Struktur ist meine Hauptkritik am rumänischen Bildungssystem und aus ihr folgen fast alle anderen Probleme. Man kann trotzdem in Rumänien ein sinnvolles Auslandsstudium absolvieren, aber man ärgert sich über die vielen ungenutzten Chancen, die sich diese Gesellschaft selber raubt. Man selbst erfährt als ausländischer Student fast überall eine Sonderbehandlung und ohne Rumänischkenntnisse bleiben einem auch viele Dinge verborgen. Auch wenn manche Rumänen das Gegenteil behaupten möchte ich betonen, dass die Studenten an der UBB wenig bis gar nicht organisiert sind. Fachschaften, wie wir sie aus Deutschland kennen, habe ich an den Fakultäten Mathematik, Physik, Sprachen, Geographie und der Musikakademie nicht gefunden. AEGEE, AIESEC, BEST oder ELSA, die es in Cluj gibt, sind internationale Organisationen, die separat diskutiert werden müssen.

Ich war nun in Berlin beim Empfang des neuen rumänischen Präsidenten und musste feststellen, dass auch die neue Regierung die Themen Jugend, Zivilgesellschaft und Demokratisierung nicht auf ihrer Agenda hat. Noch unter Illiescu sprach ich in Bukarest mit der Beraterin des Präsidenten für Jugend und musste feststellen, dass auch dort keine Wissen über Jugendarbeit oder Zivilgesellschaft vorhanden war. Es wäre also lohnend für einen deutschen Studenten, nicht nur zum Studieren nach Rumänien zu gehen, sondern bei der demokratischen Modernisierung der Universität mitzuhelfen. Dazu sollte man natürlich bereits frühzeitig Kontakt aufnehmen und mögliche Projekte planen.

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